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   Freundschaftspflege oder "Ein Freund, ein guter Freund..."
 
Meine Freunde nehmen es mir garantiert nicht übel, dass sie ein bisschen weniger von mir hören, wenn ich frisch verliebt, wenn ich gerade im siebten Himmel bin. Das ist okay. Man muss Prioritäten setzen, und wofür sind Freunde da, wenn sie so etwas nicht verstehen? Das ist das eine.
Freundschaften sind robust, robuster als Liebesbeziehungen. Es wird da nichts in mich hineininterpretiert, was später vermisst wird. Meine Freunde sehen mich, wie ich bin, und sie akzeptieren mich, wie ich bin. Grundsätzlich. Mit Freunden kann ich Klartext reden, auch über typisch männliche Dinge, die nicht mal meine Liebste etwas angehen.
Leidenschaft aber funktioniert anders als Freundschaft, sie braucht die schönen, angenehmen Illusionen. Leid und Enttäuschungen sind deshalb oft programmiert. Eine Liebesbeziehung hält nur selten ein Leben lang, eine Freundschaft dagegen oft. Deswegen darf ich nicht vergessen, sie zu pflegen, und sei es, in Stresszeiten, nur durch regelmäßiges Telefonieren. Damit ich das nicht vergesse, klebe ich mir gelbe Zettel auf mein
Telefon: "Anrufen: Hugo und Sven!" Mein Handy erinnert mich an die Geburtstage gleich zweimal: drei Tage vorher, damit ich ein Geschenk besorgen kann, und am Geburtstag selbst, damit ich nicht vergesse, das Geschenk abzugeben oder wenigstens anzurufen.
Ich bleibe ruhig, ich nehme mich zurück, wenn mich meine Freunde mal nerven und mir von ihrem Liebes-kummer zum zehnten Mal erzählen. Ich bleibe gelassen, wenn sie den einen oder anderen Freundschafts-dienst zu oft in Anspruch nehmen. Ich stelle nicht bei jedem Streit die gesamte Freundschaft und ihre lange Geschichte in Frage.
Der Freund ist ein Teil meines Lebens, sein Verlust wird mich auf Dauer härter treffen als das Ende vieler Liebesaffären. Aber das andere ist: Auch Freundschaften haben ihre Belastungsgrenzen. Melde ich mich ein Jahr überhaupt nicht mehr bei meinem Freund und komme erst dann wieder angekrochen, wenn ich unglücklich und alleine bin, wird er das sicher nicht mögen. Eines müssen wir nämlich wissen: Die Toleranzgrenzen in Freundschaften sind zwar weiter gesteckt als die in Liebesver-hältnissen. Aber gerade deshalb sollten wir diese Grenzen umso strenger respektieren. Wenn ich meine Liebste betrüge, habe ich
eine Grenze verletzt. Aber im guten Fall, und wenn es ein Ausrutscher bleibt, wird sie mir verzeihen. Mein Freund wird mir im Allgemeinen viel mehr durchgehen lassen. Sollte ich ihn allerdings mit seiner Liebsten betrügen, dann wird er mir das niemals verzeihen das wird unsere Freundschaft nicht überleben.
Und auch beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf. Absolute Zuverlässigkeit ist da angesagt. Zahlen wir so schnell wie möglich unsere Schulden zurück! Überraschen wir unseren Freund immer mal wieder mit einer großzügigen Geste! Alle vom Freund geliehenen Dinge sind unbedingt sorgfältig zu behandeln und rechtzeitig zurückzugeben, auch (oder gerade) wenn der Freund nichts sagt. Das gilt speziell für solch heikle Dinge wie Autos, die ich mir sowieso nur selten ausleihe. Allzu leicht bleiben kleine, stille Verletzt-heiten zurück.
Freundschaften können aber auch einschlafen. Ohne Eklat vorweg. Manchmal haben wir uns mit den Jahren auseinander entwickelt, oder ich selbst trete in eine neue Lebensphase ein, in die der andere mir nicht mehr folgen kann oder will. Das muss ich akzeptieren, auch wenn's traurig ist. Vielleicht kommen wir später noch einmal zusammen - das Leben hat ja erst angefangen.